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 Re: 80 Jahre Alpbach (1936 - 2015)
Autor: xiru 
Datum:   30-08-15 14:53

Alpbach ist nur ein Beispiel für die „Flexibilität“ von „nationalen“ und/oder katholischen, bürgerlichen Intellektuellen.

Ein anderes Beispiel für akademischen Opportunismus ist der so genannte
„Deutsche Freundeskreis der Universität Innsbruck“, zuletzt im Mai 2015 wegen eines
„Sebastian Kurz-Stipendiums“ aufgefallen.

1954 wurde der „Deutsche Freundeskreis der Universität Innbruck“ gegründet.
Ziel dieses „Gönnerkreises“ war es, unter dem Titel der steuerlichen Absetzbarkeit ideell-materiellen Einfluss
und Ehrungen zu lukrieren. Unter den Mitgliedern war auch Hanns Martin Schleyer, der 1938
das NS-Studentenwerk an der Universität Innsbruck geleitet hat, ehe er in Prag im „Protektorat“ aktiv werden sollte.

Erster Vorsitzender des „Freundeskreises“ war der Münchner Geschäftsmann Max Kessler (Jg. 1894).
Unter seinem Vorsitz gingen die „deutschen Freunde“ gleich zur Sache. Als der konservative,
seit „Ständestaatstagen“ aktive österreichische Unterrichtsminister Heinrich Drimmel im Interesse
der Integrität der österreichischen Wissenschaft nicht mehr jeden dubiosen Ehrungsantrag
der Universität Innsbruck bestätigen wollte, drohte Kessler 1955 namens des „Freundeskreises“ unverhohlen
mit dem Rückzug aus dem Spendengeschäft, so als wäre der "Anschluss" noch aufrecht!

Kessler wollte nach 1945 mit dem Status eines Opfers politischer Verfolgung durch das NS-Regime hausieren.
Da er aber 1942 nur aus wirtschaftskriminellen Gründen verurteilt worden war, wurde ihm dies vom
Bayerischen Landesentschädigungsamt schon am 4. März 1948 untersagt: „Herr Kessler ist auf Grund
dessen nicht berechtigt, sich als politisch Verfolgter zu bezeichnen.“
Die Universität Innsbruck hat jedenfalls 1953 an Max Kessler wieder das zwischenzeitlich aberkannte Doktorat
der Staatswissenschaften verliehen, zumal Kessler knapp vor Kriegsende vom berüchtigten Generalobersten
Löhr wieder die „Wehrwürdigkeit“ zuerkannt worden war. Auffallend oder auch nicht: Die Innsbrucker
Rechtsprofessoren akzeptierten 1953 dieses „Wehrwürdigkeits“-Dekret wieder blind als Rechtsgrundlage!

Kesslers Verbindungen zur Universität Innsbruck selbst führen in die dreißiger Jahre zurück, als er schon
enge Kontakte zum früh nazistischen Nationalökonomieprofessor Adolf Günther pflegte. Kessler konnte 1929
für seinen Geschäftspartner, den Berliner Gaskoksgroßhändler Hans Tiemessen gegen die Geldsumme
von 30.000.- Reichsmark ein dessen profane Geschäfte schmückendes Ehrendoktorat der Universität Innsbruck
erhandeln. Auf Antrag Günthers wurde Kessler im Oktober 1933 Ehrenmitglied der Universität Innsbruck.

1939 wurden Max Kessler und Hans Tiemessen von der Berliner Staatswanwaltschaft
wegen „handelsrechtlicher Untreue“ angeklagt. Es bestand unter vielen anderem mehr
der Verdacht, dass auch schon die 1929 im Weg eines bayerischen Oberforstmeisters der Universität
Innsbruck unter der Tarnadresse „Gaswerk Innsbruck“ (!!) übergebenen 30.000 Reichsmark aus veruntreuten
Mitteln stammten.
Mit Kessler und Tiemessen angeklagt war auch eine größere Nummer der von Anfang an gegen
die Weimarer Verfassung putschenden politischen Rechten, nämlich Friedrich Minoux, einst Vertrauensmann
von Hugo Stinnes. Die „Arisierungsgewinne“ eines Minoux wurden in der Anklageschrift erwähnt. Sie bildeten
nach NS-„Rechtsverständnis“ aber nur insofern einen Anklagepunkt, als Minoux dabei Stellen des NS-Regimes
betrogen hatte. Über Minoux einiges in Wikipedia.

Ein Sprung in das Jahr 1962 und 1966: Die Universität Innsbruck zeichnet den „Wehrwirtschaftsführer“ und
„SS-Obersturmbannführer im persönlichen Stab Reichsführer SS“, den südwestdeuschen Fabrikanten Kiehn
gegen erkleckliche Geldsummen erst 1962 mit der Ehrenmitgliedschaft, dann 1966 mit dem Ehrensenatorat aus.
Der Ehrungsantrag selbst ging vom „Deutschen Freundeskreis“ aus.
Von Anfang an wusste das Innsbrucker Rektorat Bescheid über Kiehns politische Vergangenheit als eines
ranghohen Nazifaschisten. Der Universität war diese schlicht egal. Über Kiehn einiges in Wikipedia,
und in einer dort zitierten, 2000 veröffentlichten Biographie.
Nur soviel: Die Heimatstadt Kiehns hat dessen Ehrungen mittlerweile gelöscht, die Universität Innsbruck führt
ihn nach wie vor in den Ehrungslisten, so wie den Hamburger Getreidespekulanten Alfred Töpfer und den
späteren Vorsitzenden des „Deutschen Freundeskreises“, den Parteispenden-Skandal umrankten
Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch.

Noch einmal eine Zeitreise in das Jahr 1942/43 und ein Zeitsprung zurück an die Universität Innsbruck
und ihren „Freundeskreis“ im Jahr 1963:
Friedrich Minoux wird 1942 verurteilt und sitzt in Haft. Er kann eine von ihm zu einem Spottpreis einem
aus Deuschland geflohenen jüdischen Kaufmann abgenommene Zellstoff-Fabrik nicht mehr halten.
Dem hessischen „Gauwirtschaftsführer“ und Vorstandsmitglied der Dresdner Bank Carl Lüer gelingt es 1943,
diese Fabrik weit unter ihrem Wert an Fritz Kiehn weiterzuverkaufen. Lüer und Kiehn verbindet eine lange,
auch in den 1960er Jahren anhaltende, gemeinsam in den Innsbrucker „Freundeskreis“ führende
Geschäftsbeziehung. Über diese Vorgänge im Detail die oben erwähnte Kiehn-Biographie von Berghoff
und Rauh-Kühne. Einiges über Lüer auch in Wikipedia!
Deshalb kommt 1963 an der Universität Innsbruck und im „Freundeskreis“ jener Moment, in dem sich
alte Nazis gegenseitig „alte Nazis“ schimpfen, aber allein aus dem Grund, da sie sich mit ihren Geschäften in die
Quere kommen: Carl Lüer will Mitglied des „Deutschen Freundeskreises“ werden. Max Kessler missfällt dies,
da Lüer über den Prozess aus 1941/42 im Detail Bescheid weiß. Deshalb, nicht weil Lüer ein „Obernazi“ war
– so so soll ihn Kessler hinter der Kulisse genannt haben, wollte er ihn fernhalten.
Am 13. September 1963 zeigt sich ein Mitglied des „Freundeskreises“ empört darüber, dass Kessler
Carl Lüers Mitgliedschaft sabotieren will, da er Enthüllungen des weiter „national“ auftretenden Bankmanager
Lüer fürchte: „Ich hatte seinerzeit Herrn Prof. Lüer, der ein *Corps-* Bundesbruder und ein alter Bekannter
von mir seit 42 Jahren ist, in den Freundeskreis eingeführt, da er sich mit Österreich von jeher besonders
verbunden gefühlt hat und gerne auch seinerseits finanzielle Beiträge für die Universität Innsbruck leisten wollte.
Er *Lüer* hat damals auch Herrn LOHSE und Herrn KIEHN mit Herrn Dr. Kessler bekannt gemacht und zu
ihrer Aufnahme in den Deutschen Freundeskreis beigetragen. Herr Prof. Lüer ist Honorarprofessor der
Universität Fankfurt/Main und hält auch häufig Gastvorlesungen an der Handelshochschule in Wien.
Herrn Dr. Kessler war er wohl von Anfang an etwas unbequem, da er auch heute noch aus seiner
nationalen Gesinnung kein Hehl macht und er zudem über Einzelheiten aus dem damaligen Prozess gegen
Herrn Dr. Kessler Bescheid wusste.“
Die stets hehr und edel daherschreitenden Innsbrucker Universitätsprofessoren tolerieren dieses
abschreckende Treiben in ihrer engsten Umgebung und ministrieren dabei auch noch nach Kräften!

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 80 Jahre Alpbach (1936 - 2015)  Neu
webmaster 20-08-15 06:48 


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