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Ein Nazi-Dichter, eine nach ihm benannte Straße in Imst und ein Bürgermeister, der den Ernst der Sache noch nicht begriffen hat

Ich habe den Imster Bürgermeister Stefan Weirather, nebenbei übrigens Landtagsabgeordneter der Tiroler Volkspartei, vor einiger Zeit (in zwei nichtöffentlichen Schreiben) recht eindringlich zum Handeln aufgefordert.
Er will nicht. Er will meine Initiative aussitzen. Was natürlich nicht geht. Was nie geht. Will Gras über die Causa Kopp wachsen lassen. Aber: Da wird’s nie grün werden. Das bleibt braun.


Bei Jakob Kopp (1871 – 1960) handelt es sich um den mit Abstand fanatischsten und übelsten Nazi-Dichter Tirols. Er hat den Anschluss bejubelt und die Auslöschung Österreichs, Adolf Hitler als „von Gott gesandt“ angebetet, Hass gegen die Juden geschürt und, als längst alles verloren war, noch die Letzten in den Krieg gehetzt.




Kopp lehnt sich hier an „Die Wacht am Rhein“, das alte Kampflied der deutschnationalen Bewegung, an, dessen Anfang lautet: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall“ (Oberland, 2.4.1938).




Oberland, 23.4.1938


Wir sprechen von Imst, der Stadt, die 1933 sofort nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland und als erste in Tirol Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft verliehen und diese erst unter größtem politischen Druck in den 1990er Jahren (!) aberkannt hat. Hier wird Jakob Kopp vor heuer genau 150 Jahren geboren. Bereits mit 16 Jahren zieht er nach Innsbruck, wo er eine Anstellung als Zeichner in der Glasmalereianstalt findet. 1893 ist er Mitbegründer des deutschnationalen „Deutschen Turnvereins Innsbruck“, dessen Imster Mitglieder bereits 1931, also vor Hitlers Machtantritt, geschlossen der damals illegalen NSDAP beigetreten sein sollen und dessen Leitsatz zu dieser Zeit „Rasseneinheit, Geistesfreiheit, Volkseinheit“ lautet. Seiner Heimatstadt Imst, in deren Dialekt er die meisten seiner Gedichte schreibt, bleibt er weiterhin eng verbunden, das Lokalblatt „Oberland“ bietet ihm die Möglichkeit, seine Verse zu veröffentlichen.




Oberland, 13.8.1938




Pg. steht für Parteigenosse = NSDAP-Mitglied (Innsbrucker Nachrichten, 21.6.1941)


Obwohl Kopps Nachlassverwalter Norbert Mantl, der den scheußlichen Nazidichter zu einem der größten deutschen Lyriker der Gegenwart erklärt hat, nach eigenen Worten selbst einige seiner „Gedichte nazistischer Art ohne Gewissensbisse vernichtete“, sind, bei einiger Mühe, da und dort verstreut, mehr als genug seiner auch handwerklich miesen Reime aus der Nazi-Zeit auffindbar.


Die Wunderpillen, wie Hitler sie ersann



Abdruck in den Innsbrucker Nachrichten vom 1.7.1939, das ist in dieser Zeit das „parteiamtliche Organ der NSDAP Gau Tirol-Vorarlberg“.


Im Jahre 1942 erscheint im sogenannten Gauliederbuch „Hellau“ Kopps Anschluss-Hymne „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“, vom Parteigenossen Leo Eiter vertont.






„Hellau“ – das „Liederbuch für Front und Heimat“, versehen mit einem Motto des obgenannten „Führers“ und einem Vorwort des Gauleiters ist randvoll einschlägiger kriegshetzerischer und antisemitischer Nazi-Lieder. Das Werk von Kopp/Eiter findet sich dort bereits im mit „Kampf- und Feier-Lieder“ betitelten ersten Abschnitt – recht passend neben Horst-Wessel-Lied, Deutschland-Lied, Engelland-Lied usw. (vergrößern)



Auch andere damals politisch den Ton angebende Komponisten, allesamt schon seit 1933 oder noch früher illegale NSDAP-Mitglieder, haben Gedichte von Kopp vertont, so der Funktionär des Nationalsozialistischen Lehrerbundes und Arisierungsgewinnler Josef Hermann Spiehs, der parteiamtliche Gaureferent und Gausachbearbeiter für Musikerziehung Artur Kanetscheider und vor allem der als „Alter Kämpfer“ der illegalen NSDAP ausgezeichnete Josef Eduard Ploner, der blindwütigste, blindwütendste Nazi von allen Genannten. Er hat im Auftrag von Gauleiter Franz Hofer das Gauliederbuch zusammengestellt und dazu auch selbst Kompositionen beigetragen („Bekenntnis zum Führer“, „Zum Sieg!“ u.v.a.m.). Dieses Buch sollte, so Ploner in seinem Vorwort, „mithelfen, unserem kämpfenden Volke den Endsieg zu erringen“.




Jakob Kopp mit dem Abzeichen der Deutschen Arbeitsfront am Revers, der er sich – obwohl längst in Rente – freiwillig angeschlossen hat.


Zeitungsberichten zufolge soll im Rahmen des Kreisschießens 1944 in Imst, an dem auch der Gauleiter teilnahm, ein Lied mit dem Text von Jakob Kopp, betitelt „Miar Oberländer“ (nicht zu verwechseln mit dem nicht von ihm stammenden viel älteren „Miar Oberländer felseföscht“ aus dem 19. Jahrhundert) in der Vertonung von Josef Eduard Ploner uraufgeführt worden sein (Innsbrucker Nachrichten, 31.5.1944). Das Lied ist verschollen oder vernichtet, aber im Werkverzeichnis Ploners erwähnt.
Wie gesagt, Ploner war der bei weitem inbrünstigste und hemmungsloseste unter den Tiroler Nazi-Komponisten, der schon früh eine „judenreine“ Kultur, „arische Abstammung und nationalsozialistische Weltanschauung“ einforderte, gegen „Juden und Judenknechte“ in der „blutbedingten“ Tonkunst auftrat und in seiner einflussreichen Position im Gau ganz allgemein den „gottgeschaffenen Grundsatz von ‚Blut und Boden‘“ propagierte.


Im Herbst 1944, halb Europa liegt in Trümmern, die Wehrmacht ist geschlagen und die Alliierten stehen an den deutschen Grenzen, werden per Führer-Erlass als letztes Aufgebot des Regimes Halbwüchsige und Greise zum sogenannten Volkssturm einberufen, um zigtausendfach noch verheizt zu werden. Und Jakob Kopp, im sicheren Hinterland sitzend, treibt an:


Der jüdische Geist und’s jüdische Geld, dö sein die ganze Schuld am Unglück der Welt




Hier bezieht sich Kopp auf die sogenannte Sportpalastrede von Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 in Berlin („Wollt ihr den totalen Krieg?“). Aus Goebbels‘ Schlussappell in dieser Rede: „Nun, Volk, steh auf und Sturm brich los!“ macht Kopp „Der Volkssturm bricht los – der Volkssturm bricht los!“

Für seinen Freund Ploner, der sich in dieser Zeit ins abgeschiedene Tarrenz zurückgezogen hat, schreibt Kopp noch eine zweite Version, die dieser auch vertont:


Die Judenbruat und‘s Judngeld, dö möchtn schåffn af der Welt und uns den Garaus machen




1944 Transkription


„Mein Glaube an den deutschen Endsieg ist fester denn je“, schreibt Ploner am 23. Oktober 1944 von Tarrenz aus an seinen Musikerkollegen Josef Gasser. Derselben Anschauung ist offenbar auch Jakob Kopp. Nachdem der Gauleiter die Tiroler Standschützen in den Volkssturm eingegliedert hat, hetzt er auch diese noch in den aussichtslosen Krieg.


Bluat und Löbn sötz mer z’gleich für ünsern Füahrer und für’s Reich!





Diesem seinem ersten „Standschützenlied“ lässt Kopp – von der warmen Stube in Hall aus – gleich ein zweites folgen, noch brachialer als das erste.


Iatz muass von Alt und Jungen z’gleich für ünsern Füahrer und für’s Reich gar jeder Stutzn blitzen von üns Tiroler Schützen




Auch diese Reime setzt Ploner in Musik um. Die Komposition datiert er mit „Tarrenz, 25.10.44“.


Kopp und Ploner waren nicht nur Anfang der Dreißiger Jahre überzeugte Nazis, sie sind es auch noch 1945! Laut einer sehr lückenhaften Werkübersicht von Kopps Nachlassverwalter und teilweisem Nachlassvernichter Norbert Mantl schreibt Ploner noch Ende Jänner die Musik zu einem Gedichttext von Jakob Kopp. Es nennt sich „Vaterland in Not“, datiert mit 25.1.45.
Es muss Mantl also noch vorgelegen haben.


Der Schandfleck von Imst

So lange man das alles nicht weiß, ist es kein Problem, in der Stadt eine Jakob-Kopp-Straße zu haben. Sobald aber die historische Wahrheit bekannt und dokumentiert ist, ist es komplett untragbar.

Kopp war der übelste Nazi-Dichter Tirols. Der verbohrteste, über sieben lange Jahre Nazi-Diktatur hinweg unbelehrbarste. Er hat einem Mörderregime vorgearbeitet und zugearbeitet, mitgeholfen, Menschen in den verbrecherischsten aller Kriege zu hetzen, aus dem es für viele, auch Imster, keine Wiederkehr gab.

Es ist nicht bekannt, dass er später seine Propaganda für das NS-Regime bereut hätte. Bekannt ist nur, dass er seine Nazi-Gedichte verschwinden lassen wollte.

Die Jakob-Kopp-Straße in Imst ist eine Sackgasse. Da kommt man nur heraus, indem man kehrtmacht. Es geht heute nicht mehr, dass die Stadt Imst einen so glühenden Verehrer des größten Massenmörders der Geschichte mit einem Straßennamen ehrt.




Die Jakob-Kopp-Straße in Imst braucht einen neuen Namen.


4.1.2021


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